Warum ich auf meine Testleser nie verzichten würde

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Warum ich auf meine Testleser nie verzichten würde

Es gab viele Jahre in meinem Leben, da habe ich nur über das Schreiben geredet. Bücher zu schreiben war etwas, das nach meiner Auffassung Autoren vorbehalten war. Echten Autoren wohlgemerkt. Dann aber wollte ich es auch. Einfach so war dieser Entschluss da. Und aus irgendeinem Grund, den ich nicht mehr nachvollziehen kann, habe ich eine Entscheidung getroffen, die sich als eine der besten meines Lebens herausstellte. Wenn mich damals jemand gefragt hätte, warum ich Bücher schreiben möchte, hätte ich das wahrscheinlich nicht beantworten können. Dass niemand gefragt hat, liegt daran, dass ich kaum jemandem von diesem tollkühnen Plan erzählt habe. Viel zu groß war meine Angst, nun endgültig für verrückt erklärt zu werden. Aber jetzt kann ich es ja sagen: Ich wollte weder reich werden noch berühmt. Einfach erstmal nur schreiben, denn ich bin eher der Ein-Schritt-nach-dem-anderen-Typ. Vernünftig? Nein, eher ängstlich. Ich wollte erst dann überlegen, wie ich die Millionen ausgebe, wenn sie auf meinem Konto liegen. Für den Umgang mit hysterischen Fans kann man mit Sicherheit einen Crashkurs belegen, wenn die Zeit gekommen ist. Heutzutage wird ja so gut wie alles in Form von online-Tutorials angeboten.

Und dann habe ich das Buch wirklich geschrieben. Ich habe es angefangen, zu Ende gebracht und besonders den Anfang gefühlte achtunddreißig Mal überarbeitet. Ich habe geschwitzt und geheult, habe gelitten, getanzt vor Freude und war am Boden zerstört. Alles abwechselnd, manches gleichzeitig. Und ich habe es bis auf meinen Lehrer niemanden lesen lassen. Er ist ein Profi. Jede seiner kritischen Anmerkungen war konstruktiv und immer nur dazu gedacht, meinen Text zu verbessern. Ich habe Unmengen von Schreibratgebern gelesen. In der Theorie weiß ich viel. Aber nichts, wirklich gar nichts hat mich auf den Moment vorbereitet, an dem sich kritische Leser mit meinem Buch beschäftigen. Es geht in diesem Beitrag gar nicht um Lektorat oder Korrektorat. Es geht um die Menschen, denen ich meinen Entwurf zu lesen gebe, bevor ich ihn ins Lektorat schicke. Es geht um den Moment, in dem ich mit Herzklopfen die ausgedruckten Seiten überreiche und mich bremsen muss, nicht schon am nächsten Tag nachzufragen, wie es wohl angekommen ist. Diese Zeit, in der alles möglich ist. Diese Momente, in denen ich auf das Urteil warte und hoffe, dass es nicht allzu hart ausfällt. Ich meine die Zeit, in denen das Manuskript bei meinen Betalesern ist.

Eigentlich hoffe ich, dass sie mir über den Kopf streichen und mir eindringlich erklären, wie großartig ich bin. Wie brillant die Idee, wie grandios mein Stil. Leider bekomme ich das viel zu selten zu hören. Und dennoch würde ich niemals auf meine Betaleser verzichten wollen. Warum? Weil ein gutes Buch immer auch Teamarbeit ist. Weil Autoren auf Hilfe angewiesen sind, um den Diamanten zum Funkeln zu bringen. Betaleser können Freunde sein oder Verwandte. Ja sogar Tante Hilde kommt in Frage. Sie muss nur eine Voraussetzung erfüllen: Sie muss ehrlich sein. Testleser müssen zugeben, was sie nicht verstanden haben, wo die Motivation der Figur nicht nachvollziehbar ist oder an welcher Stelle die Handlung viel zu konfus wird. Sie sollten die offenen Fäden erkennen, die ich einfach vergessen habe zu verknüpfen. Ich möchte hören, was ihnen gefallen hat und was nicht. Ich wünsche mir Lob, denn das ist die Motivation für mich, weiter zu machen. Aber ich bin auch auf die ehrliche Kritik angewiesen, denn ich möchte Geschichten schreiben, die Leser berühren, mitreißen, unterhalten. Die ein paar Momente den Alltag vergessen lassen. Ich möchte Plots erfinden, die sämtliche Pizza-Lieferdienste aus der wirtschaftlichen Krise reißen, weil niemand mehr zum Kochen kommt. Meine Leser sollen sich vor Spannung die Fingernägel bis auf die Haut abknabbern. Sollen lachen und weinen. Meine Betaleser sind meine Versuchskaninchen, weil jedes neue Projekt immer ein Experiment ist.

Also gehen Sie los und überlegen Sie, wer in Ihrem Umkreis dafür in Frage kommt. Machen Sie sich auf die Suche nach Menschen, denen Sie vertrauen. Sie könnten die geeigneten Testleser sein. Und falls das Feedback scheinbar hart ausfällt, vergessen Sie nie, dass Sie darum gebeten haben. Vergessen Sie nie, dass es Ihnen hilft, sich als Autor weiter zu entwickeln.

 

 

 

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